Jahrbuch_HOH_2022-2023

61 hin. Andre sagt: „Ist echt schwierig.“ Aber geht. Andrés Rezept für den Erfolg am Ende: Neun Monate Fokus aufs Studium, drei Monate frei im Sommer. Denn die Wiederholungstermine liegen in den Semesterferien in den Monaten Juli, August, September. Für die Urlaubsplanung ist das ziemlich blöd. Mostar ist zwar schön; aber nicht so schön, dass André im Sommer anreisen möchte. Dann will er nach New York, Toronto und ein wenig Kanada bereisen; aber nur zwei Wochen, die restliche Zeit will er lernen. Einige Tage im Sommer hält er sich frei, man weiß ja nie. Vielleicht klappt nicht jede Klausur. Auf einer Skala von eins bis zehn liegt sein Zufriedenheitsfaktor mit Uni und den Bedingungen bei zwei bis drei. Das ist nicht viel; auch wenn Mostar schön sein soll. Die Vorlesungen könne man sich sparen, sagt André. Erzählt wird der identische Inhalt, den die Studenten auch in Büchern finden. „Riesige Mengen an Stoff werden vermittelt.“ Zellzyklus, Krebs, Stammzellen in 240 Minuten. Am nächsten Tag folgt der Test. „Ziemlich gepresst alles.“ André lernt da lieber mit Büchern – physisch und digital. Das Studium ist nicht nur wegen des Fachinhalts anspruchsvoll. Große Klausuren werden alle vier Wochen geschrieben. Das läuft dann so ab: Die Frage kommt auf Englisch, für die schriftliche Antwort haben die Studenten 30 Sekunden Zeit. 30 Sekunden! Dann kommt schon die nächste. Der Tankvorgang bei Formel-1-Rennen funktioniert ähnlich. Druckbetankung eben. Schulenglisch hilft da nur bedingt weiter. Radioaktive Zerfälle stehen nicht auf dem Lehrplan der Fachoberschule. GoogleÜbersetzer hilft. André nimmt’s mit Humor: „Nur wenn der Professor dann noch Englisch mit Dialekt spricht, wird es echt schwer.“ Sechs Jahre gibt er sich Zeit für sein Medizinstudium. Vielleicht bleibt da ein Moment für die touristischen Highlights. Die „Alte Brücke“, das namensgebende Wahrzeichen der Stadt, hat er schon besichtigt. Das Symbol, eine Brücke zwischen West und Ost, wurde im Bosnienkrieg 1993 zerstört. Es stand kroatischen Truppen im Weg. 2004 wurde die Brücke wieder aufgebaut. Wer in Mostar lebt, der muss sie gesehen haben. André stand schon oben. „Mein Ziel ist es mir wert, dieses Studium mit Fachabi absolvieren zu können.“ Er sieht seine privilegierte Situation: André ist der einzige Fachabiturient, sein Portfolio öffnete die Tür zum Studium. „Ohne die Voraussetzungen wäre ich nicht genommen worden.“ Abi-Schnitt in Schloss Hohenwehrda von 1,0; viele Jahre ehrenamtlich aktiv im Rettungswesen; Praktikum im Krankenhaus während der Zeit als Fachabiturient; Internatserfahrung. Die Mischung macht’s möglich. Auch deswegen fällt 2022 die große Silvesterfete für André aus. Er ist in seiner Heimat eingesetzt als „first responder“. Das sind speziell ausgebildete Helfer, die als Ergänzung zum regulären Rettungsdienst noch vor diesem am Einsatzort sind. Sie versorgen SCHULE André Geyer: Medizinstudium in Mostar Schuljahr 2022/2023 Patienten mit schneller und qualifizierter Erster Hilfe. Die Zeit zwischen den Jahren ist ruhig, vielleicht ein Einsatz pro Tag. Neujahrsnacht wird etwas ruppiger. Solch ein Engagement fern von Mostar spricht sich auch in der kleinen, internationalen Fakultät der Uni herum. Der Weg nach Mostar kostet Zeit. Ab Köln mit Eurowings nach Sarajewo, von dort zwei Stunden mit dem Auto nach Mostar. Ein halber Tag ist da locker weg. 20 Minuten Fußweg sind es von seiner Wohnung zur Uni, sie liegt am Standrand auf einem Berg. Schöne Lage; Mostar soll auch schön sein, sagt man. Andre wird sehen. Das Leben dort ist zumindest preiswerter als in Deutschland. Zehn Euro für ein Steak mit einem guten Glas Wein; auch sonst kalkuliert Andre mit 50 Prozent der Kosten in Deutschland. Für seine Wohnung, 50 Quadratmeter mit Balkon, zahlt er 290 Euro. All inklusive, Strom, Wasser, Internet, alles dabei. Heidelberger Studenten rollen da nur mit den Augen. Mit manchen ehemaligen Hohenwehrdaner Mitschülern hat André immer noch Kontakt. Auch wenn die Zeit für stundenlange Telefonate fehlt. Für Kurznachrichten reicht sie immer, und manchmal auch für Besuche. Aber nur in den Ferien. Kurz nach Weihnachten trifft er Jule Fugmann, ebenfalls Altbürgerin und Fachabiturientin Sozialwesen 2022 in Schloss Hohenwehrda. Zum Jahresende besucht ihn Bai Jun daheim in Ensfeld. Das liegt im Landkreis Eichstätt, Ingolstadt ist nicht weit. Bai Jun, auch Altbürger, studiert in Köln, kommt aus China. André und Bai Jun, beide Abiturienten der FOS Sozialwesen, beide in der Internatsfamilie von Herrn Krone, beide Altbürger bei Hermann Lietz. Das verbindet - auch weit über das Ende der Schul- und Internatszeit hinaus.

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